Der Balkon

Der Balkon ist zu unserem Gesprächsraum geworden. Ich sitze in der Ecke auf dem ungemütlichen IKEA-Stuhl, dessen Sitzfläche zu klein ist und dessen Rückenlehne sich in meine Wirbelsäule bohrt. Neben mir steht die alte Schulbank, ein Überbleibsel deiner Eltern, auf dem der Oleander seinen Platz hat. Seine langen Zweige hängen mir in den Haaren, was mich irritiert. Ich streife die Zweige weg, im nächsten Moment fallen sie an die selbe Stelle zurück. Ich rauche. Seit einem Jahr habe ich mir keine Zigaretten mehr gekauft. Meine letzte Zigarette im Jahr davor hat mich in einen Nikotinschock versetzt, dass ich mich fast übergeben musste. Auf dem Balkon rauche ich drei Zigaretten hintereinander. Auf dem Stuhl ist keine gemütliche Position zu erreichen, mein Hintern tut weh, meine Beine sind schwer. Ich schlage meine nackten Beine übereinander und balanciere den unteren Fuss auf den Zehen um so weniger Gewicht des Oberschenkels auf dem Stuhl zu haben und hoffe, dass meine Zellultis nicht zu sehr sichtbar ist für dich. Du sitzt vor mir auf der Bank, auch sie ein altes Möbelstück deiner Eltern. Darauf hast du die Decke des Hundes gelegt, für mehr Gemütlichkeit. Du findest auch nicht die richtige Postion in der sich länger aushalten lässt. Seit drei Abenden sitzen wir so da. Im Biergarten gegenüber, läuft die Übertragung der EM. Ich höre die Stimme des Kommentators,  sie schallt durch die Straße. Es fühlt sich alles nach Ende an. Das Ende habe ich nicht kommen sehen und du hast es bewusst herbei gezwungen. Der Balkon ist unser Raum im Raum mit einem klapprigen Ausklapptisch, dessen Halterung manchmal rausspringt und wir mit artistischer Schnelligkeit die Tassen, Gläser und Teller vor dem Absturz bewahren müssen. Das erinnert mich an die Szene aus Mr&Mrs Smith als Mr Smith beim Wein einschenken mit Absicht die Flasche fallen lässt und Mrs Smith mit verblüffender Zielgenauigkeit die Flasche kurz vor dem Boden auffängt. Ich denke auf unserem Balkon, wir sollten diesen Film gemeinsam schauen und er wird unsere Probleme lösen. Ist dieser Film mehr als ein Actionfilm? Kann er für uns eine Metapher sein? Einfach genügend gegen den Gegner ballern und am Ende landest du wieder in einer verliebten und versexten Beziehung. Gut, uns fehlen die Waffen und die Gegner. Gegner sind wir uns selbst genug. Zwei Gegner in ungemütlichen Sitzpositionen auf einem Balkon in lauen Sommernächten. Stoff genug für eigenen traurigen Liebesfilm. 

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